Die Hinterwand


Die Hinterwand der Terrasse hat zwei Seiten, eine im Tageslicht, die andere unter dem Dach.
Kein Wunder, daß man die Dachböden mit Gespenstern bevölkert: dort stehen ja ihre Möbel, dort lehnen ihre Bilder verkehrt an der Wand, dort sind ihre Betten und Spiegel, dort liegen, mit zerfallenen Bändern umschnürt, ihre Briefe.
Manchmal tauche ich ins Dunkel und hole einige Dinge, die mir die Finger schwärzen, ans Tageslicht: abgeschnittene Haare in Briefumschlägen, alte Fotografien, die noch würdige Haltungen zeigen, Zeugnisse und Akten mit den Insignien der Monarchie.
Diese Dinge machen in der Sonne einen eigenartig lichtscheuen Eindruck, mit den verrußten Spinnweben, die sich an ihren Ecken verfangen haben.
Ein Bücherschrank, der immer im Dunkel steht. Abgelegte Romane vergangener Jahrhunderte, gestrandete Literatur des abgelaufenen Jahrhunderts. Was die Stürme nicht überlebt hat. Ein Riesenaufwand an Gefühlen, ganze Lebenseinsätze auf gewisse, oft nach raffinierten Systemen errechnete Felder. Und dann kam zweimal Zero.
Bedrucktes Papier, das kein Lichtstrahl mehr trifft; nicht nur hier, sondern überall, babylonische Türme: Privataffären, Gefühle, Geschäfte, Philosophien, Statistiken, Religionen, Schizophrenien, und das wächst in geometrischer Progression, bis schließlich -
Doch plötzlich ist etwas da, das unmittelbarer wirkt als Lettern: zwischen den Seiten eines Buchs stecken vertrocknete Blütenblätter. Die Druckschrift scheint durch die hauchzarten Gebilde hindurch, die noch Spuren violetter Farbe und Reste von gelben Staubgefäßen zeigen. Herbstzeitlosen? Ein Kenner würde die Blumen bestimmen; doch selbst wenn er das Jahr, dem sie entstammten, berechnen könnte:
die Hände, die sie pflückten, die Stimmung, die sie begleitete, blieben ihm unbekannt.
Vielleicht geben die gedruckten Sätze noch Auskunft, vielleicht sprechen die Seiten, zwischen denen die Blüten liegen: so war mir zumute; diese Worte habe ich geliebt.
Einige Zeilen, flüchtig gelesen, berichten von einer Frau, die aus irgendeinem Grund enttäuscht ist, von einer Veranda, von Berberitzensträuchern, von einem Dienstboten, der ein silbernes Tablett hereinträgt - und das alles wirkt verblaßt und ein wenig komisch wie abgelegte Moden. Und diese feinen Schmerzgefühle, diese gewählten Wechselreden sind übertönt und ausgelöscht vom rohen Schmerz und den Flüchen der beiden Kriege, von all den Brutalitäten, die mit hypnotischer Kraft in unsere Bücher eindringen, um ihnen den gleichen Streich zu spielen.
Warum nicht dieses Buch ans Licht tragen?
Der goldbedruckte Einband hat nicht verhindern können, daß sein Wert gesunken ist auf Null. Sein Wert als Buch. Doch als Zeichen, als Blütensarg scheint es plötzlich etwas auszustrahlen, was in Lettern nicht faßbar ist; als gäbe es eine neue Kunst, die ein Medium sucht.
GERHARD AMANSHAUSER
( 1928 - 2006 )
TERRASSENBUCH
Bibliothek der Provinz
printed in Austria by Plöschl A-4240 Freistadt

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