Karl von Gerok

 Novembersonne

Karl von Gerok
(1815 - 1890)
Herbstlich niedere Sonne,
Blickst so freundlich und mild,
Zauberst Träume von Wonne
Noch aufs öde Gefild!
Aus versiegenden Schalen
Träufst dein blässeres Gold,
Doch die letzten der Strahlen
Glänzen doppelt so hold.
Früh am Abend verschwunden
Ist dein freundlich Gesicht,
Doch, so flüchtig die Stunden:
Zwiefach schätzt man ihr Licht.
Nicht aus schwindelnder Höhe
Schießt dein brennender Strahl,
Blickst aus traulicher Nähe
Schräg bergüber ins Tal.
Nicht mit Gluten erdrückend
Sengst du Garten und Flur,
Nur mit Strahlen erquickend
Wärmst du leis die Natur.
Nicht nur grünende Wälder,
Nicht nur blumige Aun,
Auch erstorbene Felder
Magst du liebend beschaun.
Späte Mücklein sie schwärmen
Froh im rötlichen Schein,
Müde Greise sie wärmen
Gern ihr fröstelnd Gebein.
Im entblätterten Hage
Sonnt sich zitternd ein Laub,
Denkt noch schönerer Tage,
Eh es modert im Staub. –
Herbstlich niedere Sonne,
Sanft belehrt mich dein Strahl:
Alle irdische Wonne
Schwindet endlich einmal.
Doch ob karger dir fließe
Schon die Neige des Glücks:
Zwiefach dankbar genieße
Jedes sonnigen Blicks!
Herbstlich niedere Sonne,
Milde mahnt mich dein Licht:
Aus unendlichem Bronne,
Schöpfst du, Sterblicher, nicht.
Doch mit schwindenden Pfunden
Wuchre doppelt getreu,
Dass die letzte der Stunden
Leer an Liebe nicht sei!

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